Der Aufstand der alten Damen

The Raging Grannies Anti Occupation ClubDokumentarfilm von Iwajla Klinke 

„The Raging Grannies Anti Occupation Club“- ein Dokumentarfilm über den Protest dreier israelischer Bürgerinnen, die den Holocaust überlebt haben, gegen die Okkupationspolitik ihres Landes 

„Wir sind in dieses Land gekommen, um zu leben, nicht um zu töten.“ Es ist ein altes zionistisches Lied, das die drei auffällig mit Hüten und Schürzen kostümierten alten Damen mit verändertem Text vor einer Gruppe von Gleichgesinnten vortragen. Sie gehören zu den „Raging Grannies“, einer Friedensbewegung von Großmüttern, die in den 80er Jahren in den USA, Kanada und anderen Ländern entstanden ist. In Israel demonstrieren sie seit Jahren jeden Freitagnachmittag auf der Straße mit Losungen wie „Two capitals for two states“ (Zwei Hauptstädte für zwei Staaten) gegen die israelische Besatzungspolitik und müssen sich dafür Beschimpfungen und Beleidigungen wie „Huren Arafats“ gefallen lassen.Die junge Berliner Dokumentarfilmerin Iwajla Klinke hatte 2002 für den Fernsehsender Arte einen Beitrag über weibliche palästinensische Gefangene in Israel gedreht und dafür Verbindung zu einer Unterstützerorganisation aufgenommen. Als Kontaktperson wurde ihr Hava Keller genannt. Sie staunte nicht schlecht, als sie einer über 70jährigen Frau gegenüberstand. Drei Monate lang filmte sie in Israel mit einer digitalen Kamera, führte Interviews, begleitete die Frauen zu ihren Aktionen. Mit Hava Keller war sie u.a. bei einer Gedenkveranstaltung in Deir Jassin, einem kleinen palästinensischen Dorf im Nordwesten Jerusalems, in dem zionistische Untergrundorganisationen im April 1948 ein Massaker anrichteten. Mitverantwortlich, davon ist Keller überzeugt, war die Haganah für die sie damals selbst als Soldatin kämpfte.Die zerbrechlich wirkende alte Dame ist in der linken Organisation „Gush shalom“ organisiert, in der auch ihr Sohn Adam Keller und der Publizist Uri Avnery tätig sind. Und sie gehört der Gruppe „Frauen für politische Gefangene“ an. Die Dokumentaristin hat sie zu einem Prozeßtermin von Tali Fahima begleitet, deren Fall im Film leider nur allzu knapp dargestellt wird. Die Israelin war zwei Jahre lang wegen ihrer Kontakte zu Zachariah Zbeidi inhaftiert, dem Chef der Al-Aqsa-Märtyrer-Brigaden von Dschenin (Jenin), dem sie sich als „lebendes Schutzschild“ zur Verfügung stellte, nachdem der israelische Geheimdienst ihn auf die Abschußliste gesetzt hatte.Klinkes zweite Interviewpartnerin ist die burschikose, heute 84jährige Pnina Feiler, einst Mitglied im kommunistischen Jugendverband Palästinas, später Mitglied in der kommunistischen Partei. Sie arbeitet ehrenamtlich als Krankenschwester bei den „Ärzten für Menschenrechte“, die mobile Kliniken in den besetzten Gebieten betreiben. Sie betreut regelmäßig an den Wochenenden kranke Palästinenser.Die Dritte im Bunde ist die Menschenrechtsanwältin Tamar Peleg. Sie unterstützt palästinensische Gefangene, die in den besetzten Gebieten verhaftet und in sogenannter Administrativhaft gehalten werden. Zur Zeit der Dreharbeiten 2005 betrug die Zahl dieser Häftlinge etwa 700, darunter 90 Frauen.Die frühere Lehrerin Peleg hatte erst mit 52 Jahren begonnen, Jura zu studieren, und wurde mit 60 Anwältin. Heute ist sie über 80. Auch sie war Mitglied der Kommunistischen Partei, kritisiert jedoch die hochmütige Haltung der Partei zu den Arabern in den eigenen Reihen, obwohl diese die Mehrheit der Mitglieder stellten.Hava, Pnina und Tamar stammen aus Polen und sind mit ihren Eltern in den 30er Jahren nach Palästina emigriert. Sie haben zunächst ganz selbstverständlich die Politik des neugegründeten Staates Israel mitgetragen. Man wünscht sich, mehr über sie und von ihnen zu erfahren. Ihre Lebensgeschichten könnten jeweils einen eigenen Film füllen.„Mich hat die Stärke, Radikalität und Widerständigkeit der Frauen, gerade angesichts ihres hohen Alters, fasziniert“, erklärt Iwajla Klinke. Die junge Dokumentarfilmerin arbeitet nach einem Studium der Politikwissenschaft, Judaistik und Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin als freie Autorin für Fernsehsender wie arte, ZDF und 3sat.Ihr mutiger und anregender Film über die „Raging Grannies“ ermöglicht die Begegnung mit drei wunderbaren Frauen, deren politisches Engagement von Lebenserfahrung und Menschlichkeit geprägt ist. 

Cristina Fischer  

The Raging Grannies Anti Occupation Club. Dokumentarfilm von Iwajla Klinke, Ogniana Film Berlin 2006, 88 min., DVD,12 Euro, www.ogniana-film.de


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