Totalverweigerer in Greifswald

Wehrdienstausweis der NVA2007 meldete die Kampagne gegen Wehrpflicht, Zwangsdienste und Militär zwei Totalverweigerer, die von der Bundeswehr zu Arrest verurteilt wurden. Aufgeteilt auf jeweils zwei Freiheitsstrafen mit einer Dauer von insgesamt 42 Tagen im einen Fall und 25 Tagen im anderen Fall blieb die Bundeswehr hinter der bisherigen Praxis zurück, mindestens 3 Arreststrafen von jeweils bis zu 21 Tagen zu verhängen.In Greifswald hat die konsequente Kriegsdienstverweigerung eine lange Tradition. Es gab viele Totalverweigerer: Allein im Umfeld des AJZ am Karl-Marx-Platz (später quarks), dem Pariser und dem GUM (heute klex) enthielten sich mindestens neun Leute den Zwangsdiensten. Heute hört man weniger von Totalverweigerern, weil nur noch etwas mehr als die Hälfte der Wehrpflichtigen zur Bundeswehr gezogen werden und sie so oft gar nicht weiter öffentlich bekannt werden.Bereits in der DDR weigerten sich Lehrlinge des KKW in Lubmin, eine Waffe in die Hand zu nehmen. Damals gab es während der Schule, dem Abitur und der Lehre eine vormilitärische Ausbildung. Neben dem Exerzieren wurden die Frauen hauptsächlich im Sanitätsdienst ausgebildet, während die Männer mit verschiedenen Geländeübungen und später auch mit Schusswaffen auf den Militärdienst vorbereitet werden sollten.Rod, einer der Lehrlinge, wurde ´86 gemustert. Er muss etwas überlegen, ehe er erzählen kann. Die Geschichte liegt schon eine Weile zurück. Die vormilitärische Ausbildung begann Rod normal in Greifswald. Als es dann während der Zivilverteidigungslager in Juliusruh auf Rügen hieß zu schießen, nahm er keine Knarre in die Hand. “Ich musste damals Küche saubermachen”, erinnert Rod sich an seine Strafe. Damals gab es unter dem Dach der Kirche einen Friedenskreis, den er kannte. Der Friedenskreis vervielfältigte militärkritische Infopapiere auf der Wachsmatrize und brachte sie unter die Leute. 1987 hatte Rod den Entschluss gefasst, weder den Wehrdienst noch die Alternative Bausoldat anzutreten. Vor allem religiös gebundene Menschen konnten damals als Bausoldaten quasi einen Wehrersatzdienst ableisten. Eingesetzt wurde man zum Teil in Militärkrankenhäusern, in der Industrie, aber auch zum Bau von militärischen Einrichtungen. Wer weder Bausoldat noch Wehrdienst machen wollte, hatte 18 - 22 Monate Knast zu erwarten - das Strafmaß ließ sogar 5 Jahre Haft zu. Verurteilt wurde man aber in der Regel nicht dazu. Ab 1985 wurden keine Totalverweigerer mehr inhaftiert. Aber von Straffreiheit konnte Rod damals nicht ausgehen. Die Entscheidung zur Totalverweigerung war nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. So informierte Rod sich und sprach auch mit Leuten die bereits im Knast gesessen hatten. Trotz der drohenden Haft blieb der Entschluss fest: “Knast hätte ich in Kauf genommen.”In der Klasse von Rod wollte noch jemand den Kriegsdienst verweigern und einer wollte zu den Bausoldaten. Rod schickte seine Begründung für die Totalverweigerung ans Wehrkreiskommando. Darauf bekam er eine Einladung ins Wehrkreiskommando. Ähnlich wie bei heutigen Verhörsituationen wollte ein “Guter” und ein “Böser” überzeugen. Mit diesem alten psychologischen Trick, dem Wechsel von Härte und Verständnis, soll die betroffene Person weich geklopft werden. Auch die Argumentation bei der Gewissensprüfung gleicht heutigen Fragen: ob man denn nicht in bestimmten Situationen doch bereit wäre Gewalt anzuwenden u.s.w. Schikanen in der Schule blieben zum Glück aus und auch der Austausch unter Mitschülern war problemlos. Selbst die Zulassung zum Chemiestudium an der Universität Rostock hat Rod bekommen. Heute stellt er sich schon die Frage, ob er ohne Wehrdienst schließlich auch immatrikuliert worden wäre. In einem anderen Fall schickte die Uni immer die Unterlagen mit dem Vermerk „unvollständig“ zurück, da eine Bestätigung des abgeleisteten Wehrdienstes erwartet wurde. Aber dann kam alles anders. Mit der Wende 1989 kehrte erst einmal Ruhe ein. Erst 1992 kam Post vom Kreiswehrersatzamt in Kiel. Sie hatten die Erklärung zur Totalverweigerung mit den Akten bekommen und meinten, dass dies als Antrag auf Kriegsdienstverweigerung gewertet werden könne. Auch in der Bundesrepublik gibt es keine Möglichkeit zur Kriegsdienstverweigerung, lediglich der Dienst an der Waffe kann unter bestimmten Bedingungen verweigert werde. “Nee, nee, mit mir nicht!” berichtet Rod amüsiert mit erhobenem Zeigefinger über die neue Situation. Er erneuerte seine Erklärung zur Totalverweigerung. In seiner Begründung führte er aus, dass Kriege keine Probleme lösen und der Verteidigungshaushalt für bessere Sachen verwendet werden könnte. 1993 wiederholte sich die Prozedur: Als wenn nichts geschehen wäre bekam er Post aus Schwerin und schickte noch mal seine Erklärung. 1994 begann der Stress: Wieder ohne eine Reaktion auf seine Erklärung bekam er die Aufforderung zum Arzt zu kommen. Rod ignorierte nun seinerseits die Post: Einschreiben holte er nicht ab, die normale Post öffnete er, um sich zu informieren. Schließlich flatterte ihm ein Bußgeldverfahren über 129 DM ins Haus, weil er den Termin nicht wahrgenommen habe. Rod legte Widerspruch ein: die Briefe habe er nicht bekommen. Daraufhin wurde das Bußgeldverfahren eingestellt. Die witzige Begründung: in Zukunft werde er sicherlich rechtsstaatliches Verhalten zeigen. Mit einem neuen Wehrpflichtgesetz wurde dann festgelegt, dass man als Rekrut bis zum Alter von 25 gezogen worden sein musste. Dafür war die Zeit inzwischen zu knapp geworden, und so kam Rod um Strafen herum. Im Jahr danach begann die Odyssee für einen anderen Greifswalder. Der erste Einberufungsbefehl kam 1995 noch während Neds Schulzeit. „Ich hatte noch ein Jahr nach zu machen. Deswegen glaubten sie, ich wäre mit der Schule fertig. Auf der anderen Seite hatte ich überhaupt keinen Bock auf den Paperkrieg und kümmerte mich nicht.“ Drei Tage nach dem Termin kam von der Kaserne ein Telegramm und wenige Tage später holten ihn die Feldjäger zu Hause ab. Dass sie so durchziehen, damit hatte Ned nicht gerechnet. Zunächst kam er nach Weitin, bei Neubrandenburg, wo die Feldjäger stationiert sind. Dann ging es in seine Kaserne nach Eggesin. Nun war er Kanonier. Aber die Schule schickte ein FAX an die Kaserne und er war innerhalb weniger Tage wieder raus. Bis dahin hatte sich Ned gar nicht so sehr mit der Frage beschäftigt, ob er Zivildienst machen möchte oder nicht. Ned lehnt Gewalt prinzipiell ab, aber in bestimmten Situationen hält er sie für sinnvoll und notwendig. So arbeitete er zwischendurch auch mal bei einer Sicherheitsfirma und interessiert sich durchaus für verschieden Aufgaben in der Polizeiarbeit. „Aber wenn ich irgendwann an solchen Sachen teilnehme, dann gewiss nicht auf Befehl.“ Damit wäre er glatt beim Gewissenstest für den Zivildienst durchgefallen. Aber so weit ist es gar nicht erst gekommen. Kurz nach dem Schulabschluss kam dann der nächste Einberufungsbefehl. Diesmal wusste Ned schon, dass die Feldjäger nach ihm suchen würden. Er hielt sich also nicht an seiner Meldeadresse bei seiner Oma auf, sondern zog es vor in einer WG zu leben. Penetrant versuchten die Feldjäger von seiner 90-jährigen Oma seinen Wohnort herauszukriegen. Diese Last wollte er ihr nicht zumuten. Er meldete sich freiwillig bei seinen Häschern. „Ich fuhr also brav mit. Die Leute vor Ort wollten keinen Ärger und mich einfach nur loswerden. Ich hörte mir alles an und durfte die erste Nacht auf Stube schlafen. Das war alles noch ganz moderat. Dann bin ich ein, zwei Nächte in der Zelle gewesen, am nächsten Abend gab es Ausgang für Kinobesuch. Mir war klar: Ab jetzt wird es nur schlimmer werden.“ Zu der Zeit war es erlaubt drei mal 21 Tage Arrest zu verhängen. Praxis war, den Arrest verfassungswidrig zu verlängern. Es gab Fälle in denen Leute bis zu 105 Tagen saßen, ehe sie entlassen wurden. „Da bin ich abgehauen und in Greifswald ins Kino gegangen“, erzählt Ned schmunzelnd.Das ging einen Monat so ganz gut, er hielt sich versteckt und bekam etwas Sozialhilfe und konnte nebenbei auch etwas dazuverdienen. Aber das Militär sorgte dafür, dass er bald keine Sozialhilfe mehr erhielt und sie lauerten ihm im Amt auf. „Ich hatte mir extra keinen Termin geben lassen, habe aber nicht geahnt, dass sie eine ganze Woche dort warten. Ich hatte eine ganz nette Bearbeiterin. Als ich sie sah war, war alles klar. Wir haben uns dann noch ganz gut unterhalten und draußen klickten dann die Handschellen.“ Das kam dann auch in die Presse und Sozialamtsleiter Brader leugnete in der OZ die Handschellen im Sozialamt, als könnte er es wissen und hätte darauf Einfluss. „Es war natürlich das volle Programm, Sie kamen zu dritt, schwarze glatte Lederhandschuhe, war schon bisschen wie GeStaPo.“Über Weitin ging es dann direkt in den verhängten Arrest von 21 Tagen nach Prenzlau. Als Knast diente eine abgeschlossene Etage mit fünf abgeschlossenen Zellen in einem ehemaligen Feuerwehrgebäude. Die Zellen waren klein, vielleicht 2 mal 3 Meter, Neonröhre von 6 bis 21 Uhr, in der Zeit hochgeklappte und festgeschlossene Pritsche, ein Fenster mit Milchglas, 23 Stunden Einschluss und eine Stunde Hofgang mit zwei Soldaten mit erlaubten Gesprächsthemen ausschließlich zum Dienst, den er ja nicht hatte, 10 Minuten Besuchszeit pro Woche. „Das ist kein Spaß mehr, das hätte ich so vorher nicht gedacht.“ Ned ist noch heute erschüttert. Er begann gleich am ersten Tag mit einem Hungerstreik. Zum einen natürlich um Druck zu machen. „Der andere Grund war aber, dass sie Angst um meine Gesundheit hatten und mich jeden Tag zum Arzt brachten. Das war immerhin jeden Tag eine halbe Stunde rauskommen und Gespräch mit einem Arzt führen.“ Er erkundigte sich auch nach einer Verlegung in die Bundeswehrpsychiatrie. Üblicherweise bekam man dort aber erst einen Termin nach drei Wochen. Auf der Suche nach einem Gesprächspartner versuchte er es auch mit dem Pfarrer der Kompanie, der ihn aber abblitzen ließ, anstatt ihn seelsorgerisch zu betreuen. Durch Zufall hatte er ein Gespräch mit jemandem, der beim Bund war, weil er draußen keinen Job bekam. Der meldete anonym den Fall einem Pfarrer von außerhalb, der sich um Kriegsdienstverweigerer kümmerte. Dieser ließ es sich nicht nehmen, mit dem Aufkleber „Schwerter zu Pflugscharen“ auf dem Koffer durch die Kaserne zu gehen und ihn fortan zu betreuen. Aber auch auf andere Weise versuchte Ned Kontakt zu Menschen zu bekommen: Laut Disziplinarordnung war es möglich, Beschwerden mündlich jemandem zur Niederschrift zu bringen. Also verlangte er jemanden dafür. Das Personal gab sich entrüstet. Damit war seine erste und einzige schriftliche Beschwerde gegen die Verweigerung der Mündlichen gerichtet. Fortan kam pflichtbewusst ein Soldat zur Niederschrift, und das war häufig: die einem zustehende Tageszeitung wollten sie ihm nicht aushändigen, er verlangte nach kohlensäurefreiem Wasser, da dieses bei Hungerstreik verträglicher ist - irgendwas Unkorrektes fand sich immer. In der Zwischenzeit hatte er mitbekommen wann Wachablösung war, wie die Wachen geschoben wurden und wie das Kasernengelände aufgebaut war. Duschen waren in einem separaten Gebäude und er wurde täglich dort hin geführt. Bei so einer Gelegenheit gelang es ihm, aus dem Fenster zu flüchten. Die Wachen zu umgehen war wichtig, denn die meisten Unfälle mit Schusswaffen finden in der Bundeswehr hier statt…In großem Bogen ging es fernab der Straßen rund um die Stadt in eine Siedlung am Stadtrand. Möglicherweise suchten sie ihn ja schon und er wusste, dass Taxifahrer immer mal eine Anfrage von der Polizei bekommen. Im Ort spielte der Zufall für ihn: Aus einem Haus, das evangelische Jugendhaus, kam sympathische Musik und offensichtlich gut gesinnte Leute gingen ein und aus. Also rein da, und siehe da, es war sogar ein bekanntes Gesicht dabei, das er einmal auf einer Anti-A20-Demo gesehen hatte. Hier wurde er erstmal verpflegt, immerhin das erste Essen seit zehn Tagen. Und telefonieren konnte er auch. So ging es dann im Auto zurück nach Greifswald. Hier arbeitete er auf dem Bau mit. Das ging nur eine Weile gut bis plötzlich die Polizei dahin kam. „Irgendjemand muss mich verpfiffen haben.“ Draußen standen die Feldjäger und nahmen ihn mit. Ein Übereifriger in Weitin versuchte ihn im Befehlston zu drangsalieren ehe es wieder nach Prenzlau ging. In der Kaserne stellte er seine Vorgesetzten gleich vor die Wahl: Entweder Hungerstreik oder Bundeswehrpsychiatrie, und plötzlich bekam er innerhalb der Woche den Termin. Im Krankenhaus in Berlin war er quasi frei, konnte seine Freundin besuchen, ohne dass es jemanden gestört hätte. Nur morgens um neun musste er zum Gespräch beim Arzt wieder da sein. Dort bekam er ein psychologisches Gutachten. „Ich hatte mich bisschen belesen über Platzangst und ähnliches, aber ob die mir nun geglaubt haben oder ob sie auch ein Auge zugedrückt haben, kann ich nicht sagen.“ Damit wurde sein Militärdienst bis auf weiteres aufgeschoben. Dennoch bekam er später mehrere zivilrechtliche Verfahren, in denen er schlussendlich zu einer Bewährungsstrafe mit einem Strafgeld von 1000 Mark verurteilt wurde. Obgleich in der Bundesrepublik Doppelbestrafung verboten ist, drohte mit einer erneuten Aufforderung zur Musterung das Ganze von vorne los zu gehen. Die Polizei stand mehrmals vor der Tür und drohte ihn kostenpflichtig hinzufahren. “Das muss nun auch nicht sein, dachte ich mir und ließ mich von einem Freund betrunken hinfahren.“ Unter Alkoholeinfluss war eine Musterung anfechtbar. Weitere Untersuchungen verweigerte er und verwies auf sein psychologisches Gutachten. Die Behörde verlangte von ihm allerdings ein weiteres ärztliches Gutachten von einem vorgeschriebenen Arzt. Zum Glück erstellte dieser dann ohne Probleme das Gutachten in die Freiheit.Sein Umfeld nahm seine Totalverweigerung überwiegend positiv auf, erinnert sich Ned - egal ob Leute aus der Leere oder im Umfeld der Greifswalder Alternativkultur. Es war damals auch eine andere Situation, einige Sachen wirkten so falsch: Bekannte von ihm, die eine Karriere in der NVA machen wollten machten nun eine bei der Bundeswehr unter entgegen gesetzten Vorzeichen. Dann bereitete sich die Bundeswehr mit dem Kosovo-Krieg auf den Übergang von einer Verteidigungsarmee zu einer Angriffsarmee vor. Einige, die bei der Bundeswehr waren meinten vielleicht, dass er nun was gegen sie hätte. Aber das sieht Ned anders. „Für mich ist das eine rein persönliche Entscheidung, egal wie man das begründet.“ Die Bedeutung, die die Frage damals hatte, ist stark zurückgegangen. „Wen interessiert das heute noch? Damals dachte man vielleicht noch, dass man damit etwas verhindern kann.“ Kriege ließen sich damit sicher nicht verhindern. Für Menschen in anderen Ländern sei schließlich auch die Möglichkeit des Zivildienstes überhaupt erst mal erstrebenswert. Und wenn es die Berufsarmee gibt – was nützt da schon eine Verweigerung. Ihm geht es jedoch um die persönliche Beteiligung am Krieg: „Für mich geht der Zivildienst nicht weit genug.“ Dabei ist es ihm heute egal, auf welche Weise man sich dem Ganzen entzieht: „Ich würde heute einen guten Arzt kennen…“


Ein Kommentar zu “Totalverweigerer in Greifswald”

  1. Detlev Beutner

    Vgl. auch http://tkdv-zittau.blogspot.com mit ganz aktuellen Vorgängen, wie nicht nur die Bundeswehr, sondern in diesem Fall auch die Justiz den Boden der Rechtsstaatlichkeit verlässt, wenn es darum geht, einem unbequemen Totalverweigerer beizukommen… :-|

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